23.01.2008 | Michael Bührke

Macht eine belastende Chemotherapie Sinn, wenn das Leben des Betroffenen dadurch nur um wenige Wochen verlängert wird? Wie lange soll ein Patient im Koma künstlich am Leben erhalten werden, obwohl keine Aussicht auf Besserung besteht?

„Jeder Mitarbeiter im Krankenhaus kommt irgendwann an den Punkt, wo er sich fragt, wie er in einer Grenzsituation handeln soll“, stellt der Geschäftsführer der Misericordia GmbH Krankenhausträgergesellschaft, Gregor Hellmons fest. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wurden in den Kliniken der Misericordia, zu denen in Münster das Clemenshospital und die Raphaelsklinik gehören, Ethikkomitees gegründet. Vertreter der Ärzteschaft, der Pflege, des Sozialdienstes, der Seelsorge und der Verwaltung bilden ein Team, das gemeinsam über ethische Fragen diskutiert, Handlungsempfehlungen ausspricht und Leitlinien entwickelt. Zum Vorsitzenden des zwölfköpfigen Komitees in der Raphaelsklinik wurde der Klinikseelsorger Frank Schüssleder gewählt.

Zur Auftaktveranstaltung in der Raphaelsklinik sprach der Vorsitzende des Ethikkomitees der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Dr. Gerald Neitzke, über das Thema „Ethik im Klinikalltag“. „Wir können heute nicht mehr davon ausgehen, dass das technisch Machbare auch immer das Beste für den Patienten ist“, stellt der Experte einleitend fest. Als Folge dieser Entwicklung gerieten viele Ärzte, Schwestern und Pfleger immer häufiger in moralische Konflikte. Eine Untersuchung der MHH ergab, dass über 90 Prozent der Mitarbeiter in ihrem Berufsalltag bereits mit solchen Situationen konfrontiert wurden. Anders als bei fachlichen Problemen, die durch die Kompetenz einer Einzelperson gelöst werden, können ethische Fragestellungen nur im Gespräch mit anderen entschieden werden, nicht durch Anweisungen der Vorgesetzten. Wenn moralische Konflikte unbewältigt bleiben, drohen Frustration und Burnout-Syndrom.

Das Ethikkomitee soll hier Hilfestellungen bieten. Entscheidend ist auch der intensive Austausch mit dem Patienten, „Hören Sie auf das, was der Patient Ihnen sagt“, lautet eine der zentralen Empfehlungen Neitzkes. Der Wille des Patienten muss das Ziel der Behandlung beeinflussen. Welchen Weg Medizin und Patient in der Behandlung der Erkrankung einschlagen, kann nur gemeinsam mit dem Betroffenen entschieden werden.

 
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