Angst vor der Vogelgrippe löst Impfhysterie aus

[22.10.2005]

Vor dem Sprechzimmer von Dr. Katharina Fastenrath, Betriebsärztin an der Raphaelsklinik, herrscht reges Treiben. Pflegepersonal, Ärzte, Verwaltungsangestellte und Handwerker stehen Schlange, um sich gegen Grippe impfen zu lassen. Seit sechs Jahren bietet die Klinik in Kooperation mit den großen Krankenkassen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der kostenlosen Grippeschutzimpfung.

In diesem Jahr ist der Zulauf außergewöhnlich groß. "Zum ersten Impftermin sind bereits mehr Kolleginnen und Kollegen erschienen, als sonst an zwei Terminen." freut sich die Medizinerin, die auch am Clemenshospital für die Betriebsgesundheit zuständig ist, über die Resonanz des Vorsorgeaufrufs. Die Angst vor der Vogelgrippe ist in ihrem Sprechzimmer allerdings kein Thema. "Wer im medizinischen Bereich arbeitet, sieht die gegenwärtig in der Öffentlichkeit zu beobachtende Panik vor einer drohenden Infektion vermutlich etwas gelassener und objektiver." Dass dies offenbar nicht für den Rest der Bevölkerung zutrifft, musste Fastenrath feststellen, als sie den Impfstoff bestellte. Dass bereits Anfang Oktober der Markt leergefegt ist und keine Ampullen mehr zu bekommen waren, hat die erfahrene Medizinerin noch nie zuvor erlebt.

Die niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin, Dr. Andrea Karsch macht in ihrer Praxis ähnliche Erfahrungen „Es herrscht gegenwärtig eine Panik unter Menschen, die ich nicht nachvollziehen kann!“ wundert sich die Ärztin „Die Berichterstattung in den Medien hat für eine große Verunsicherung gesorgt. Es ist überhaupt nicht möglich, mit den bestehenden Impfstoffreserven die gesamte Bevölkerung gegen Grippe zu impfen, wie es gelegentlich in den Medien empfohlen wird.“ Die Medizinerin versucht die besorgten Patienten in ihrer Praxis zu beruhigen und aufzuklären. Nur gefährdete Personengruppen wie ältere Menschen oder Angehörige von Berufsgruppen, die viel Kontakt zu Menschen haben, sollten sich impfen lassen. Karsch kann aufgrund der enormen Nachfrage nicht ausschließen, dass im weiteren Verlauf des Jahres eventuell kein Impfstoff mehr zur Verfügung steht, um die Menschen zu impfen, die einen Schutz auch tatsächlich benötigen.

Fastenrath schreibt den gegenwärtigen Engpass nur zum Teil der Angst vor der Vogelgrippe zu. "Im Februar und März dieses Jahres erreichte eine ausgeprägte Grippewelle Nordrhein-Westfalen, die vielen noch in Erinnerung ist. Das bewegt die Menschen dazu, sich in diesem Jahr verstärkt impfen zu lassen". Die Ärztin stellt klar, dass die Impfung nicht gegen die häufig im Herbst und Winter auftretenden Erkältung oder grippalen Infekte wirkt, sondern ausschließlich gegen die echte Grippe, auch Influenza genannt. "Wer einmal eine Grippe hatte, kennt den Unterschied!" verweist die Betriebsärztin der Raphaelsklinik auf eine Erkrankung, die im Gegensatz zur Erkältung mit sehr hohem Fieber, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen und Schüttelfrost einhergeht und besonders für ältere oder geschwächte Menschen lebensbedrohend sein kann.
Einige Menschen berichten, dass sie nach einer erfolgten Grippeimpfung eine Erkältung bekommen hätten. "Hier gibt es keinen nachweisbaren Zusammenhang. Die Grippeimpfungen werden in einer Jahreszeit durchgeführt, in der die Menschen ohnehin häufiger erkältet sind," erläutert die Medizinerin und fügt hinzu "das Robert - Koch - Institut hat sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Symptome einer einfachen Erkältung kein Hinderungsgrund für die Grippeimpfung darstellen."