Antibiotic Stewardship - Ausweg aus dem Resistenz-Dilemma?

[14.03.2011]

Die Entdeckung und Verbreitung des Penicillins in den 1940er-Jahren setzte eine medizinische Revolution in Gang, Millionen von Menschen konnten seither durch den Einsatz immer neuer Präparate gerettet werden. Leider entwickelten viele Erreger im Laufe der Zeit Resistenzen gegen diese Medikamente, das scharfe Schwert der Antibiose droht stumpf zu werden. Der unbedachte und inflationäre Einsatz  in der Vergangenheit führte zur Verschärfung der Situation, die aktuelle Diskussion um die gefürchteten MRSA-Erreger (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) verdeutlicht das öffentliche Interesse an der Thematik. Experten warnen bereits seit Jahren vor einer „Post-Antibiotika-Ära“ (Mitchell Cohen, Direktor des US-Centers for Disease Control and Prevention).

Als Weg aus dem drohenden Dilemma wurde nun das „Antibiotic Stewarship“ (ABS) ins Leben gerufen, ein Fortbildungskonzept für Ärzte, Mikrobiologen, Apotheker und andere Experten aus dem Gesundheitswesen. „Weltweit werden ständig mehr Antibiotika gegeben. Was wir noch an Mitteln haben, dürfen wir nicht auf vagen Verdacht geben sondern auf der Grundlage einer klaren Indikation!“ fordert Dr. Norbert Gödde, leitender Oberarzt der Abteilung für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie  der Raphaelsklinik. Gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrich Hartenauer, Chefarzt der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Evangelischen Krankenhauses Johannisstift Münster, hat er kürzlich die Fortbildung als ABS-Experte erfolgreich absolviert. Deutschlandweit verfügen erst zehn Fachleute über diese spezielle Zusatzqualifikation.

Bakterien vermehren sich im Schnitt alle 20 Minuten, wir Menschen brauchen dafür rund 25 Jahre. Die Erreger lernen also ungleich schneller als wir, vielleicht sind wir nur etwas schlauer.“ hofft Gödde schmunzelnd. Neben einer guten Krankenhaushygiene sollten ein gewissenhafter Einsatz von Antibiotika und eine laufende Kontrolle des Verbrauchs Hauptmerkmale eines sachgerechten Umgangs mit Infektionen sein, meinen die beiden Ärzte übereinstimmend. „Wir erhalten ein regelmäßiges Feedback von unseren Apotheken bezüglich des Verbrauchs an Antibiotika, auch im Vergleich zu anderen Häusern“, erläutert der Mediziner. „Es gibt in Deutschland kein Fachgebiet der Infektiologie und viel zu wenige Krankenhaushygieniker“, bedauert Hartenauer und bezeichnet die Behandlung dieses Themas an unseren Hochschulen als „stiefmütterlich“.

„Antibiotic Stewardship“ bedeutet frei übersetzt „Strategie zum rationalen Umgang mit Antibiotika“. Im Rahmen eines 5-wöchigen Kurses wurden unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) nun die ersten zehn Fachleute zu zertifizierten ABS-Experten ausgebildet. Primäre Ziele sind der sinnvolle Gebrauch von Antibiotika und damit eine verbesserte Patientenbetreuung sowie die Vorbeugung der Entstehung von Resistenzen. Das Wissen dieser Spezialisten wird über Schulungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jeweiligen Krankenhäuser sowie innerhalb der Krankenhausverbünde Valeo und Misericordia weitergegeben.

Auch die Geschäftsführer der beiden Häuser, Hartmut Hagmann (Raphaelsklinik) und Mark Lönnies (Evangelisches Krankenhaus) sind von der Bedeutung dieses Konzeptes überzeugt: „Die einzelnen Fachabteilungen der Kliniken arbeiten heute wesentlich enger zusammen als früher, da müssen unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Gabe von Antibiotika gut miteinander koordiniert werden“ sagt Lönnies, sein Kollege Hagmann fügt hinzu: „Als wir von der Idee des ‚Antibiotic Stewardship’ erfahren haben, war sofort klar, dass wir auf jeden Fall dabei sein wollen. Schließlich ist das Thema sehr wichtig, viele Patienten fragen danach.“

(Michael Bührke)

Mehr Infos über die Fortbildung: http://www.antibiotic-stewardship.de/