Der Originallöffel von Ramstedt und ein modernes Endoskop. Der Chefarzt Prof. Dr. Dr. Matthias Hoffmann und die 86-jährige Ludwiga Freifrau von Korff zu Harkotten vor der Büste des Chirurgen Prof. Dr. Conrad Ramstedt.

Die Freifrau und der Kaffeelöffel

[27.11.2009]

Die Freifrau und der Kaffeelöffel

„Meine Mutter betete und betete, dass ich wieder gesund werden möge“, erinnert sich Ludwiga Freifrau von Korff zu Harkotten an die Erzählungen ihrer Mutter. Sie kam mit einem Geburtsfehler zur Welt, einer Verengung des kleinen ringförmigen Muskels, der am Übergang zwischen Magen und Zwölffingerdarm liegt und normalerweise den Transport des Mageninhalts in den Darm regelt. Ist er zu eng, gelangt zu wenig Nahrung in den Darm, die Babys erbrechen laufend und drohen zu verhungern.

Im Jahr 1923, als die kleine Ludwiga das Licht der Welt erblickte, kam diese Diagnose fast einem Todesurteil gleich. Nachdem mehrere Spezialisten in Köln aufgesucht wurden, die allerdings nur bedauernd mit den Schultern zucken konnten, brachte ein befreundeter Arzt eines Tages seinen Kollegen aus der Raphaelsklinik,  Prof. Dr. Conrad Ramstedt mit zu Besuch. Dieser hat im Jahr 1912 eine Operationsmethode zur Behebung der Magenausgangsverengung entwickelt, die noch heute seinen Namen trägt und weltweit jedem Arzt vertraut ist. Der heutige Chefarzt der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Prof. Dr. Dr. Matthias Hoffmann, spricht ehrfürchtig von den Leistungen seines Amtsvorgängers: „Ramstedt war der einzige, der diese OP-Technik beherrschte. Daher kamen die Patienten aus ganz Deutschland angereist.“

Ramstedts größtes Problem waren die ungeeigneten OP-Instrumente seiner Zeit. Daher machte er sich auf die Suche nach Alternativen und fand sie im Besteckkasten seiner Frau. Den Griff eines silbernen Kaffeelöffels ließ er auf einer Seite skalpellscharf anschleifen, die andere Seite ließ er stumpf. „So konnte Ramstedt den empfindlichen kleinen Muskel einschlitzen, ohne den Darm zu verletzen, was schwere Komplikationen verursacht hätte“, beschreibt Hoffmann den Eingriff. Der Chefarzt nutzt heute für solche Eingriffe winzige Instrumente mit dem Durchmesser einer Kugelschreibermine, mit denen während einer Bauchspiegelung am Darm operiert wird. Zurück bleibt eine Stelle, die kaum größer ist als ein Mückenstich.

Die sechs Monate alte Ludwiga war sehr geschwächt, auf Fotos sieht man ihre dünnen Arme und Beine. Die Mutter schrieb damals in ihr Tagebuch: „Prof. Ramstedt riet zu einer dringenden Operation, für’s Gelingen könne er allerdings nicht garantieren. Doch wenn Sie es nicht operieren, stirbt das Kind gewiss“. Die Operation war ein Erfolg und die kleine Ludwiga entwickelte sich zu einem propperen Kind. Die Idee Ramstedts schrieb Geschichte „Dass eine OP-Technik nach fast 100 Jahren noch unverändert in jedem medizinischen Lehrbuch zu finden ist, ist sehr ungewöhnlich“, bestätigt Hoffmann.

(Michael Bührke)