Die Expertenrunde beantwortete Fragen aus dem Publikum (v. l.): Dr. Rainer Wirth (St. Marien-Hospital Borken), Prof. Dr. Claus Spieker (Raphaelsklinik), Stefanie Oberfeld (Clemens-Wallrath-Haus), Dr. Ralf Becker (Hausärzteverband) und Josef Mersmann (Geschäftsführer Seniorenzentrum St. Anna Ostbevern).

Die Werte alter Menschen respektieren

[13.12.2011]

„Entscheidend ist nicht das Alter sondern die Lebensqualität“ erläutert Dr. Rainer Wirth den aufmerksamen Zuhörern im Foyer der Raphaelsklinik. Wirth ist Chefarzt der Klinik für Geriatrie und ärztlicher Direktor des St. Marien-Hospitals in Borken.

Allzu oft übertragen nach Meinung des Experten jüngere Menschen ihr Weltbild auf Ältere und gingen davon aus, dass ein Leben mit eingeschränkter Mobilität oder Demenz weniger lebenswert sei. Studien würden jedoch eindeutig darlegen, dass die Zufriedenheit und Lebensfreude alter und auch dementer Menschen kaum geringer sei als die jüngerer Personen. „Wenn ein junger Mensch sagt, dass er keine Freude am Leben hat, ist er depressiv und man versucht ihm zu helfen. Sagt das gleiche ein alter Mensch, heißt es, das läge am Alter und niemand sucht nach den Ursachen“. Altersdiskriminierung nennt Wirth diese Haltung und bringt ein Beispiel aus der klinischen Praxis. Eine 80-jährige Patientin klagte bei ihrem Hausarzt über Schwindel, dieser sagte ihr, dass dies im Alter normal sei. Die Frau ging daraufhin zu einem Spezialisten der ihre Medikamente überprüfte, das Blutdruckmittel reduzierte und auf diese Weise die Probleme beseitigte.

Auch der Chefarzt der Medizinischen Klinik I der Raphaelsklinik, Prof. Dr. Claus Spieker, berichtet von langen Medikamentenlisten, mit denen ältere Menschen gelegentlich ins Krankenhaus kämen: „Wir sehen schon mal zehn bis 15 unterschiedliche Medikamente bei den Patienten, da bekommt man einen Schrecken. Viele ältere Patienten können das nur mit einem Pflegedienst bewältigen, der ihnen die Tabletten zurechtlegt.“ Die Wirkung vieler Medikamente ist bei alten Menschen zudem anders als bei jungen, auch die Wechselwirkungen der Substanzen untereinander können bei älteren  Patienten spezielle Probleme verursachen. Die Mediziner raten ihren Kollegen daher, die Medikamentengabe kritisch zu hinterfragen und gesundheitliche Probleme nicht immer auf das Alter zu schieben. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Ethikkomitee der Raphaelsklinik, das in jedem Jahr eine öffentliche Informationsveranstaltung zu aktuellen ethischen Themen anbietet.