Endlich mal ein Steak essen

[05.04.2011]

Operation der Speiseröhre ermöglicht Patienten nach über 50 Jahren endlich ein normales Leben.

Das erste Steak seines Lebens wollte Norbert Zimmermann nicht irgendwo essen, also fuhr er mit seiner Frau Pamela nach Sylt in das angesagteste Restaurant der Insel. Nachdem er den ersten Bissen runtergeschluckt hatte, sah er plötzlich auf, Tränen stiegen ihm in die Augen. Pamela Zimmermann kannte das schon und wurde unruhig: Sollte die Operation ein Fehlschlag gewesen sein, blieb ihrem Mann das Fleisch wieder buchstäblich im Hals stecken? Doch es waren Freudentränen, der Eingriff war ein voller Erfolg und die Speiseröhre tat ihren Dienst ohne Probleme.

Prof. Dr. Dr. Matthias Hoffmann, Chefarzt der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Raphaelsklinik, hat bei dem 54-Jährigen ein Martyrium beendet, das im Alter von zwei Jahren begann. Damals schlich sich der kleine Norbert in die Bäckerstube seines Vaters in Augsburg und trank einen großen Schluck konzentrierte Natronlauge, die für die Herstellung von Laugenbrezeln benötigt wird. Er überlebte, aber die verätzte Speiseröhre musste täglich in der Uniklinik Erlangen mit einem Schlauch aufgeweitet werden, damit die Narben den Durchgang zum Magen nicht endgültig verschließen. Trotz dieser Torturen war die Öffnung nicht größer als sieben Millimeter, jede Erbse, jedes Maiskorn konnte die Speiseröhre verschließen. In diesem Fall musste Zimmermann sofort die nächste Toilette aufsuchen und Erbrechen, damit der Weg wieder frei wurde. „Ich weiß nicht, wie oft ich mir in meinem Leben den Finger in den Hals stecken musste“, berichtet Zimmermann, „einige tausend Mal aber auf jeden Fall.“

Bislang musste das Essen entweder flüssig oder breiartig sein oder zumindest ewig gekaut werden. Seine Frau kochte immer besonders fettreich, damit ihr über zwei Meter große Mann überhaupt bei Kräften blieb. An einen normalen Restaurantbesuch mit Freunden oder Geschäftspartnern war nicht zu denken. „Ich wollte ja nicht jedem vorher meine Krankheitsgeschichte erzählen, die ja auch ziemlich lang ist“, sagt Zimmermann.

Seine Ärzte rieten immer wieder von einer Operation ab: „Es handelt sich dabei um einen Zwei-Höhlen-Eingriff, erklärten mir die Mediziner, weil gleichzeitig im Bauchraum und im Brustkorb operiert werden müsse. Da wollte kein Arzt ran.“ Sie vertrösteten ihn auf die Entwicklung der Laser-Chirurgie, doch auch diese half dann nicht weiter.

Prof. Hoffmann wagte den operativen Eingriff, entnahm ein Stück Dünndarm und ersetzte damit das vernarbte Stück Speiseröhre. Danach ging alles ganz schnell: Erst Aufbaukost und dann nach und nach festere Nahrung. Jetzt steht häufiger mal ein Steak oder ein Schnitzel bei Zimmermanns auf dem Speiseplan und die ganze Familie freut sich über die neue kulinarische Welt, die sich dem Familienoberhaupt nach über 50 Jahren erschließt. „Ich habe schon 17 Kilo zugenommen“ lacht Zimmermann und freut sich über ein „Problem“, von dem er früher nicht mal zu träumen gewagt hätte.

(Michael Bührke)