Täglich grüßt der Engel

[15.12.2010]

Am Eingang der Raphaelsklinik begrüßt seit über 50 Jahren die hölzerne Skulptur des Erzengels Raphael jeden Besucher mit einem milden, gelassenen Lächeln. Wenn Reinhold Schmelter das Krankenhaus betritt, scheint der Engel allerdings immer eine Spur aufmerksamer zu lächeln, schließlich verdankt der ehemalige Balken aus einem Bauernhaus bei Bösensell dem Mann seine glanzvolle Kariere als eichener Schutzpatron der Innenstadtklinik. Schmelters waren immer Männer der Tat, Vater Josef war Fotograf und errichtete mit seinem Fotogeschäft an der Salzstraße bereits kurz nach dem Krieg eines der ersten Geschäfte zwischen den Trümmern der Stadt. Schon früh arbeiteten die Firma Schmelter und die Raphaelsklinik zusammen, der Vater lieferte und entwickelte die Röntgenfilme, Sohn Reinhold stand mit der Filmkamera im OP-Saal, um Lehrfilme für die Universität zu drehen.
In den 1950er Jahren wollte Josef Schmelter der beruflichen Zusammenarbeit etwas Bleibendes hinzufügen. Schnell kam der Gedanke auf, den befreundeten münsterischen Bildhauer Hans Wehrenberg um die Erstellung einer lebensgroßen Skulptur des Erzengels Raphael zu bitten. Der Vater erlebte die Vollendung des Werkes jedoch nicht mehr, er starb 1955. Nun lag es bei den Söhnen Reinhold und Ernst, die Fertigstellung der Skulptur zu überwachen. „Wehrenberg hatte sehr klare Vorstellungen von der Skulptur“, erinnert sich Reinhold Schmelter. Der verkleinerte Entwurf aus Gips ist heute als Teil des Klinikrundganges in einer Vitrine neben dem hölzernen Erzengel zu sehen. 1959 wurde die Arbeit an der Eichenfigur vollendet und sie nahm ihren Platz in der Halle des ehemaligen Haupteingangs an der Ecke Windthorststraße und Klosterstraße ein. „Auch ein Heiliger kann ganz schön teuer sein!“ erinnert sich Schmelter lachend an die gepfefferte Rechnung des Bildhauers.
Schmelter war zwischenzeitlich oft Patient der Raphaelsklinik, nicht immer ging es dabei glimpflich zu. „Vor 36 Jahren erkrankte ich plötzlich am Darm und fiel ins Koma. In einer Notoperation rettete mir der Chirurg Dr. Karl Reer das Leben“, berichtet er sichtlich bewegt. Ob auch hier sein Engel die Hände mit im Spiel hatte? Der Erzengel schweigt dazu wie immer bescheiden lächelnd.
Seither baute Schmelter die Firma des Vaters zu einem der führenden Unternehmen auf dem Gebiet des Mikrofilms und der Archivierung aus, war Prinz Karneval und Präsident von Preußen Münster, komponierte zahlreiche Karnevals- und Heimatlieder. Jetzt wurde er vom amtierenden Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie, Prof. Dr. Dr. Matthias Hoffmann, erneut am Magen operiert, nach einer Methode, die vor rund 100 Jahren an der Raphaelsklinik erfunden wurde. Und noch immer ist es der Erzengel, der Schmelter im Klinikfoyer als Erster begrüßt. „Wenn man sich innerlich nicht mit dem Künstler und einem solchen Projekt verbunden fühlt, sollte man es besser lassen“ resümiert Schmelter mit Blick auf die Eichenskulptur im modernen Klinikfoyer. Der Engel würde es vermutlich ähnlich formulieren, wenn er denn sprechen könnte.

(Michael Bührke)