Zwischen zwei Welten

[22.04.2011]

Sie begleiten, umsorgen und betreuen: Krankenpfleger im Aufwachraum sind das Bindeglied zwischen OP-Saal und Pflegestation

Die Patientin war nervös. Sehr nervös sogar. Eine Schilddrüsen-Operation stand ihr bevor. Als Sopranistin war die Frau deshalb sehr um ihre Stimme besorgt. Bei Eingriffen dieser Art besteht das Risiko, dass es zu einer Stimmbandlähmung kommen kann. Für jeden Menschen nicht angenehm – für Sänger eine furchtbare Vorstellung. Die Frau zitterte am ganzen Leib, die Angst um den Verlust ihrer Stimme war ihr anzumerken. Pfleger Jochen ist mit der Nervosität von Patienten vor Operationen vertraut.

An diesem Tag war der stellvertretende Leiter der Anästhesie- und Intensivmedizinpflege in der Raphaelsklinik für die OP-Vorbereitungen zuständig. Er kümmerte sich um die Patientin und stellte sich vor – wie immer. Doch er ergänzte eine Kleinigkeit. „Gestatten, Pfleger Jochen, zweiter Bass.“ Die Frau schaute ihn an. Sie war verdutzt. Aber ihre Stimmung, so erinnert sich der Pfleger, hellte sich von einem Moment zum nächsten auf. „Erster Sopran.“ Die Antwort folgte dann prompt. Der Stress und die Angst, die die Sängerin sich zuvor noch hatten schütteln lassen, waren wie weggeblasen. Kurze Zeit später schlief sie ein – völlig entspannt, nachdem sie sich zuvor aber noch mit dem Bass ausgetauscht und der ein kleines Liedchen angestimmt hatte. Seine Augen strahlen, wenn Jochen Katthöfer von solchen Begegnungen erzählt. Er singt – leidenschaftlich gern im Männergesangverein und täglich bei der Arbeit. Er ist sich sicher, dass ihm und auch allen anderen Singen guttut. „Er heitert uns damit auf“, findet Anästhesie-Kollegin Bettina Herzog-Jabboury.

An diesem Morgen arbeiten die beiden Pflegekräfte Hand in Hand im Aufwachraum der Raphaelsklinik. Sechs Betten stehen für Patienten zur Verfügung. Zwei sind bislang belegt. Weitere Patienten sind angekündigt. Im Durchschnitt verweilen die Frischoperierten etwa eine Stunde im Aufwachraum. Das Personal kümmert sich intensiv um ihr Wachwerden und hat sämtliche Vitalfunktionen im Blick – Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung des Blutes. Es piept. Monoton. Immer wieder. Auf den Monitoren am Kopfende der Pflegebetten blitzen grüne Kurven auf. „Es ist alles in Ordnung“, erklärt Schwester Bettina. An der Tonhöhe der Pieptöne hat sie schon festgestellt, dass der Sauerstoffgehalt im Blut ihrer Patienten in Ordnung ist. Je schriller der Ton, desto geringer ist der Sauerstoffgehalt. „Alle Sinne sind bei uns gefordert – zu jeder Zeit. Wir müssen präsent sein“, sagt sie. Hören, sehen, reagieren. Nicht alles lässt sich an den Monitoren ablesen. Wer im Aufwachraum arbeitet, der hat meist schon viele Jahre als Pflegekraft hinter sich. „Erfahrung ist wichtig. Wir müssen das Verhalten der Patienten in bestimmten Situationen auch einschätzen“, sagt Pfleger Jochen. Es gibt Patienten, die sind unruhig. Andere wollen aufstehen. Manchmal hilft das Streicheln der Hand. Das beruhigt, wenn sich die Operierten noch zwischen den Welten befinden. „Ist meine OP schon vorbei?“ Diese Frage hören die Kollegen im Aufwachraum häufig. Manchmal von ein und demselben Patienten sogar mehrmals hintereinander. Ein klassischer Filmriss: Im Aufwachraum kennen die Mitarbeiter ihn. Sie erden Patienten mit der persönlichen Ansprache. „Herzlich willkommen. Sie sind im Aufwachraum. Ich bin Schwester Bettina und kümmere mich um Sie.“ Der Patient hat seine Augen schon wieder geschlossen, als die Pflegerin den Verband kontrolliert und die Bettdecke anschließend sorgfältig feststeckt. Wenn er das nächste Mal seine Augen öffnet, wird sie ihn fragen, ob er Schmerzen hat. Die Patienten sollen auf einer Skala von eins bis zehn selber beurteilen, ob das der Fall ist. „Wer auf die Frage antwortet und eine hohe Zahl nennt, hat auch tatsächlich Schmerzen“, weiß Schwester Bettina.

Allein auf das Nennen einer Zahl verlässt sich die Pflegekraft aber nicht. Der langjährige Umgang mit Frischoperierten hat den Blick des Personals geschult. Eine krause Stirn, hoher Blutdruck, fahle Lippen lassen die Pfleger auch ohne Ansage aktiv werden. Dieser Patient hat Schmerzen. Inzwischen hat sich der Aufwachraum gefüllt. Vier Plätze sind jetzt belegt. Schwester Bettina wandert von Bett zu Bett. Sie überprüft, ob die Infusionen laufen; kontrolliert Verbände, Drainagen; schaut, ob die Patienten gleichmäßig atmen. Immer wieder spricht sie mit ihnen. „Wie sieht es bei Ihnen mit Schmerzen aus?“ Alles gut. „Können Sie die Finger bewegen?“ Ja. „Liegen Sie bequem?“ Alles in Ordnung. Vier Monitore sorgen für ein monotones Piepkonzert im Aufwachraum. „Wenn alle sechs Betten belegt sind, ist hier richtig was los“, sagt Schwester Bettina. Sie nennt es Rush-Hour, wenn auf einmal nicht mehr nur sie und die Patienten im Raum sind. Ein Kommen und Gehen von allen Seiten, das größte Aufmerksamkeit erfordert. Patienten werden aus dem OP in den Aufwachraum geschoben und vom OP-Tisch ins Bett umgehoben. Andere vom Aufwachraum auf die Station verlegt. Kurz, knapp und präzise werden Informationen mit den Kollegen ausgetauscht. Hören, reden, reagieren. Dass sich die allermeisten Patienten nicht an sie erinnern werden, wenn sie auf der Station ankommen, findet Schwester Bettina nicht tragisch. „Mein Auftrag ist Fürsorge. Ich kümmere ich darum, dass die Patienten wieder in dieser Welt ankommen“, sagt sie. Für sie sei es nicht die Leber, Galle oder Schilddrüse, die von ihr umsorgt werde, sondern der Mensch. „Ein Patient ist doch keine Nummer“, entrüstet sie sich. Sie legt Wert darauf, dass die Patienten stets mit Namen angesprochen und persönlich betreut werden.

In hektischen Momenten wünscht sie sich manchmal zwar mehr Zeit. „Bei einigen Patienten entlädt sich der ganze Stress und die Angst vor dem Eingriff beim Wachwerden.“ Dann müssten die Pfleger Trost spenden. Auch das bedeutet für Schwester Bettina Fürsorge. Ihre Augen sind trotzdem auch bei den anderen Patienten. Hat die Operation nicht lange gedauert, sind die Patienten im Aufwachraum schnell munter. „Manchmal reden wir hier über Gott und die Welt“, sagt Pfleger Jochen. Für ihn ist es wichtig, dass die Patienten den Aufwachraum schmerzfrei verlassen. „Das ist ein erfolgreiches Abschließen.“ An diesem Morgen hat er noch kein Liedchen angestimmt. Jetzt ist Zeit für ein portugiesisches Volkslied. Die ersten Verse sind gesungen, da öffnet ein Patient die Augen, blinzelt den Sänger an und schmunzelt. Pfleger Jochen spricht den Mann an – auf Portugiesisch. Der Mann ist aber Italiener, sagt er. „Sono italiano.“ Pfleger Jochen nutzt die Gelegenheit, fragt nach Wohlbefinden und Schmerzen. Der Patient ist aus dem Schlaf gesungen worden. Er ist in dieser Welt angekommen!

Dieser Beitrag erschien in der Oster-Ausgabe der Westfälischen Nachrichten (WN) vom 22. April 2011. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der WN. Der Original-Beitrag als PDF-Datei: Westfälische Nachrichten: http://www.raphaelsklinik.de/raphaels/dateien/WN_Aufwachraum.pdf

Von Doerthe Rayen (Text) und Wilfried Gerharz (Fotos)

(Michael Bührke)