Geschichte der Klinik

Die Barmherzigen Schwestern (Clemensschwestern) zu Münster hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts seit etwa 100 Jahren Erfahrung in der Krankenpflege, arbeiteten aber bislang meist unentgeltlich und unter fremder Regie, so z. B. im Clemenshospital, zur damaligen Zeit noch ein städtisches Krankenhaus.

Mit Gründung der Raphaelsklinik 1908 konnten die Schwestern nun ihr Wissen und Können in einer Klinik, die nach den damalig neuesten medizinischen und pflegerischen Erkenntnissen erbaut und mit modernsten Apparaten ausgestattet war, unter direkter Trägerschaft des Mutterhauses der Barmherzigen Schwestern umsetzen.

Um die Jahrhundertwende existierten eine Reihe von Krankenhäusern in Münster, meist Spezialkliniken. 1906 wurde das Hedwigshaus in der Klosterstraße eingerichtet. Es bot im Erdgeschoß und im ersten Stock Unterkunft für chronisch Kranke und Hilfsbedürftige. Es folgte dann am 10. Juli 1908 die Eröffnung der Raphaelsklinik. Bereits am ersten Tag wurden 16 Patienten aufgenommen. Am 18. September 1908 öffnete dann die Hedwigsklinik, die sich im 2. Obergeschoß des Hedwigshauses befand, ihre Zimmer für die Patientenversorgung. So existierten zunächst zwei gleichwertige Kliniken in der Klosterstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zum Mutterhaus. Erst nach dem zweiten Weltkrieg übernahm der Gesamtkomplex dann den Namen der Raphaelsklinik.

Die Angaben über die Bettenanzahl in beiden Kliniken schwankten zwischen 80 und 120. Es arbeiteten hier 6 Spezialärzte in den Fachgebieten Chirurgie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Augenheilkunde, Innere Medizin, Nervenheilkunde und 1 Spezialarzt für Nasen-, Ohren- und Kehlkopfkrankheiten, die über insgesamt 6 Operationsräume verfügten.

Im mittleren und westlichen Teil des 1. Stockwerks der Raphaelsklinik befand sich die chirurgische Station. Sie verfügte über 2 Operationsräume (1 aseptischer und 1 septischer). Desweiteren teilten sich Dr. Gördes (Frauenheilkunde und Geburtshilfe) und Prof. Dr. Ramstedt (Chirurgie), die beide ihre bis 1908 betriebenen Privatkliniken schlossen, um an die Raphaelsklinik/Hedwigsklinik zu wechseln, die 26 Betten in den 14 Zimmern für Patienten der I. und II. Klasse in der Hedwigsklinik.
Diese verfügte damals über 1 Operationsraum mit Vorzimmer und 1 Raum für Verbände und aseptische Fälle. Beide Spezialärzte assistierten sich gegenseitig bei den in der Hedwigsklinik durchgeführten Eingriffen.

Beide Kliniken waren durch einen Flur in der 2. Etage miteinander verbunden. Zwischen Mutterhaus und Hedwigsklinik befand sich der Hedwigsgarten, der allen Patienten der Kliniken zur Verfügung stand.

Die Verwaltung beider Häuser erfolgte durch ein Kuratorium der Barmherzigen Schwestern. Die Krankenpflege in beiden Kliniken erfolgte damals ausschließlich durch Pflegerinnen aus den Reihen der Barmherzigen Schwestern.

Am 3. Dezember 1928 erfolgte der 1. Spatenstich zum Erweiterungsbau der Raphaelsklinik, die Grundsteinlegung war dann am 26. März 1929, und am 13. Dezember 1930 erhielten die Krankenzimmer des Hochhauses an der Hagedornstraße (heute Windthorststraße) die kirchliche Weihe durch Bischof Johannes Poggenburg. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren alle Betten im Hochhaus, übrigens das Erste in Münster, mit Patienten belegt. Geschmückt wurde die markante Fassade mit einer 9 Meter hohen Madonna, als Denkmal zu Ehren der Patronin des Ordens. Die Statue wurde im zweiten Weltkrieg infolge der Luftangriffe zerstört.

Beide Kliniken verfügten 1930 über insgesamt 164 Betten in 72 Zimmern. Zehn Spezial(Fach-)ärzte arbeiteten hier. Die Chirurgische Abteilung befand sich nun in der 1. Etage des Hochhauses. Alle Patientenzimmer lagen an der Südfront und waren mit Balkonen ausgestattet.

Während im ersten Weltkrieg die Raphaelsklinik als Reservelazarett mit insgesamt 150 Betten fungierte, die letzten Kriegsversehrten verließen im Mai 1920 die Klinik, wurden bereits zu Kriegsausbruch des zweiten Weltkrieges 50 Betten in der Hedwigsklinik zum gleichen Zweck bereitgestellt. Ein Jahr später hatte sich die Zahl dann auf bereits 130 Betten erhöht.

Im Juli 1941 traten bereits erste Schäden aufgrund von Luftangriffen an der Raphaelsklinik auf. 1943 wurde der Zwang zur Einrichtung einer Ausweichstelle aufgrund immer massiv werdender Luftangriffe der Alliierten verstärkt. Am 22. August 1943 wurde dann im Kloster vom Heiligen Kreuz in Freckenhorst die Ausweichstelle für die Raphaels- und Hedwigsklinik eingeweiht. Der Operationsbetrieb in der Raphaelsklinik lief aber weiter. Zweimal wöchentlich operierte man hier, und die Patienten wurden anschließend nach Freckenhorst gebracht. Die Schwestern des Mutterhauses zogen bis 1944 in das Haus Marienthal, und nach dessen Ausbombung wurden sie in Arnsberg aufgenommen.

Die Raphaels- und Hedwigsklinik sowie fast alle anderen Gebäude der Genossenschaft wurden 1943 bei den Luftangriffen stark beschädigt. Die stärksten Schäden erlitt die Raphaelsklinik am 12. September 1944 als 2 Luftminen, mindestens 8 Sprengbomben sowie zahlreiche Brandbomben den Komplex trafen. Die medizinische und pflegerische Betreuung fand von nun an, so gut wie möglich, nur noch in der Ausweichstelle Freckenhorst statt.

Das 1930 eröffnete Hochhaus war trotz der Angriffe das einzige Gebäude, welches zu Kriegsende noch einigermaßen bewohnbar war. Die ersten 13 Schwestern zogen schon am 15. April 1945 in das zum provisorischen Mutterhaus umfunktionierte Hochhaus ein. 1946 erwies es sich als notwendig, eine zweite Ausweichstelle im Missionshaus in Hiltrup einzurichten, die erst 1950 nach Abschluss der Wiederaufbauarbeiten aufgelöst werden konnte.

Die Chirurgische Abteilung verblieb bis zum Herbst 1947 in Freckenhorst. Am 15. Oktober des Jahres konnte der letzte chirurgische Patient aus Freckenhorst wieder in die Raphaelsklinik übernommen werden.

Am 1. Juli 1947 wurde das Richtfest für den Mittelbau begangen, in dem u.a. die Operationsräume untergebracht werden sollten. Im November 1948 konnte das Hedwigshaus wieder bezogen werden. Man verzichtete allerdings fortan auf ein Trennung zwischen beiden Kliniken, und das ehemalige Hedwigshaus erweiterte die Raphaelsklinik in Richtung Mutterhaus.

Durch die gleichzeitige Zerstörung des Clemenshospitals, welches sich in unmittelbarer Nachbarschaft befand, wurde die Raphaelsklinik nach dem Krieg zur einzigen Versorgungsstätte im Innenstadtbereich Münsters. 1950 verfügte die Klinik bereits über 304 Betten. Seit 1952 lief hier wieder ein ganz normaler Krankenhausbetrieb. 1954 begann man mit dem Erweiterungsbau an der Ecke Windthorststraße/Klosterstraße im Bereich des heutigen Haupteinganges der Klinik. Im Januar 1956 konnte dieser Trakt komplett bezogen werden.

Der Bettenneubau im Innenbereich mit Errichtung des klinikeigenen Parkhauses konnte 1990 eingeweiht werden. Seit 1998 ist die Raphaelsklinik Münster akademisches Lehrkrankenhaus der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Am 17. Juli 2002 wurde das neue Foyer an der Loerstraße 23 eröffnet. In ihm sind die Rezeption, die Patienten-Aufnahmen, das gemütliche "Café im Foyer" und die zentralen Aufzüge untergebracht. Sogar ein Flügel ist dort zu finden, der regelmäßig zum Beispiel bei Ausstellungseröffnungen zum Einsatz kommt.

Im November 2007 ging die Zentrale interdisziplinäre Aufnahme - ZiA in Betrieb. In ihr sind alle Ambulanzen an einem Ort zusammengefasst, lange Wege oder Doppeluntersuchungen werden so vermieden.                 (Autor: Bert Staiger)

Die inhaltliche Gestaltung der Seiten über die Geschiche der Raphaelsklinik sowie die Bereitstellung des historischen Fotomaterials konnte nur mit der freundlichen Unterstützung des Mutterhausarchivs der Barmherzigen Schwestern gelingen. Mein besonderer Dank gilt der Mithilfe von Sr. M. Annetta.

Münster im März 2001 , Ergänzungen im Oktober 2010