„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. In Ihrem Kopf befindet sich ein Tumor, der aber gutartig ist“. Den Tag, an dem der damals 19-jährige Dustin Feldbrügge diese Nachricht erhielt, wird er nie vergessen. „Ich hatte nur Nackenschmerzen. Da ich damals in der Ausbildung zum Metallbauer war, dachte ich, dass ich einfach nur Zug bekommen hätte und bin zum Chiropraktiker gegangen“. Der hatte dem jungen Mann empfohlen, sofort ein MRT machen zu lassen und das ergab dann die beunruhigende Diagnose. „Meine Eltern und ich waren total geschockt. Mein erster Gedanke war, dass ich erst 19 Jahre alt bin und es das vielleicht schon gewesen sein könnte“.
Dustin Feldbrügge war ein sportlicher, aktiver junger Mann, ist gerne Schwimmen gegangen, hat Fußball gespielt, ist Inliner gefahren, hat mit Begeisterung an seinem Roller geschraubt, war viel auf Partys und mit Freunden unterwegs, „Ich war nie der Typ, der den ganzen Tag im Haus bleiben kann“, wie er sagt. Der Begriff „gutartig“ vermittelt zunächst die trügerische Sicherheit, dass einem der Tumor nichts anhaben kann, doch das ist falsch. Zwar streuen gutartige Tumoren keine Metastasen in den Körper, aber sie verdrängen gesundes Gewebe und das ist gerade im Schädel extrem gefährlich. Rund sechs Zentimeter maß der Tumor in Feldbrügges Kopf inzwischen, das ist fast so groß wie ein Tennisball und eines war klar, eine Operation war unumgänglich.
Dustin Feldbrügges behandelnder Arzt empfahl dem jungen Mann die Klinik für Neurochirurgie des münsterschen Clemenshospitals, einer Klinik des Alexianer-Verbundes. Deren Chefärztin, Prof. Dr. Uta Schick, konnte in der Erstoperation den ganzen Tumor komplett entfernen. Eine Blutgerinnungsstörung führte aber zu mehreren Folgeoperationen. „Nach dem Eingriff lag ich einen Monat im Koma, darauf folgten 120 Tage auf der Neurotraumatologischen Frührehabilitation des Clemenshospitals unter Leitung von Dr. Bernd Hoffmann, dem damaligen Departmentleiter. Dass das eine sehr schwere Zeit war, muss ich wohl nicht extra erwähnen“, betont der heute 31-Jährige rückblickend. Feldbrügge profitierte von einer Besonderheit des Clemenshospitals, der Kombination aus einer Neurochirurgischen Klinik mit jahrzehntelanger Erfahrung und der angeschlossenen Neurotraumatologischen Frührehabilitation, die im vergangenen Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern konnte. „Bei solchen schweren Eingriffen am Gehirn wie bei Herrn Feldbrügge ist es von sehr großer Bedeutung, dass die Therapie frühzeitig, gezielt und mit einem sehr gut abgestimmten Therapieplan ansetzt. Nur so lässt sich ein optimaler Heilungsprozess erreichen und negative Spätfolgen so gering wie möglich halten“, wie Prof. Dr. Uta Schick erläutert.
Am Heiligabend 2013 ist Dustin Feldbrügge aus dem Koma erwacht, beim Hören der Trompetenklänge des Weihnachtskonzerts. „Du bist unser Weihnachtswunder“, hat die Pflegekraft auf der Station damals gesagt. „Es ist sehr schwierig, aus dem Koma zu erwachen. Die Therapeutinnen und Therapeuten haben damals viel mit mir gearbeitet. Das Schlucken ist mir anfangs enorm schwergefallen, die Logopädinnen haben das intensiv mit mir geübt. Als ich mit den Physiotherapeuten dann zum ersten Mal wieder aufstehen und ohne Hilfe neben dem Bett stehen konnte, wusste ich, dass es jetzt voran geht!“ Drei Monate lang waren die Mitglieder des Teams der Neurologischen Frührehabilitation des Clemenshospitals neben Freunden und Familienmitgliedern seine engsten Bezugspersonen , „Ich bin froh, hier so viele tolle Menschen kennengelernt zu haben. Bis heute bringe ich alle drei Monate Pralinen auf die Station“, berichtet Feldbrügge lachend.
Heute arbeitet der 31-Jährige in der Buchhaltung der Fraunhofer Batterieforschung in Münster. Die Krankheit, die Operation und die Zeit der Rehabilitation haben Dustin Feldbrügges Blick auf das Leben stark geprägt, „Man kann nicht bewerten, wie andere Menschen ihre Krankheit empfinden. Manche Menschen wirft eine Erkältung schon aus der Bahn und ich habe eben einen Hirntumor überlebt. Alles im Leben hat einen Sinn. Wenn ich resigniere und mir immer sage, dass ich arm dran bin, dann bin ich auch arm dran. Es klingt simpel, aber Geld ist wirklich nicht das Wichtigste im Leben, das weiß ich jetzt. Ich habe mehr davon, glücklich zu sein!“
2023 fand das letzte Kontroll-MRT statt, ein Wiederaufflammen des Tumors war nicht zu erkennen, Feldbrügge gilt damit als geheilt. Die Zukunftswünsche des jungen Mannes sind bescheiden, er würde gerne da weiterarbeiten, wo er jetzt tätig ist und eines Tages hätte er gerne einen Hund. Rückblickend hätte er sich allerdings gewünscht, mit Leidensgenossinnen und -genossen ins Gespräch zu kommen, „Mit Menschen reden zu können, die das gleiche erlebt haben wie man selbst, ist ungeheuer wichtig. Man kann googeln, aber Gespräche sind viel wertvoller. Solche Gesprächspartner hätte ich zum Erfahrungsaustausch damals gerne gehabt!“